Interviews
Mit Rainer Pfluger, Tina Ipsler und Gregor Radinger
Fragen an UIBK
Rainer Pfluger
Rainer Pfluger ist ein führender Forscher auf dem Gebiet energieeffizienter Gebäude mit einem starken Schwerpunkt auf Bauphysik sowie Gebäude- und HLK-Simulation. Seine Tätigkeit umfasst Forschung, Lehre und berufliche Weiterbildung, insbesondere in den Bereichen energieeffiziente Gebäudeplanung und HLK-Anlagen. Er engagiert sich aktiv in der Ausbildung zertifizierter Passivhaus-Planer und unterrichtet „Nachhaltiges Bauen“ an den Universitäten in Innsbruck, Graz und Wien. Darüber hinaus verfügt er über umfangreiche Erfahrung in der Entwicklung von Lehrplänen für Bachelor- und Masterstudiengänge sowie in der Erstellung hochwertiger Lehrmaterialien sowohl für Präsenz- als auch für Online-Lernformate.
Interview:
Wo sehen Sie aktuell den größten Weiterbildungs und Kompetenzbedarf für die Umsetzung von Zero Emission Buildings – insbesondere im Bereich Sanierung?
Bislang werden hauptsächlich „Standard“-Sanierungen mit Fenstertausch und Vollwärmeschutz durchgeführt. Zielführend wäre aber immer gleich in Richtung Hocheffizienz-Sanierung (EnerPHit-Standard) zu gehen. Hier fehlt es sowohl bei der Planung als auch bei der Umsetzung an den Kompetenzen für Luftdichtheit und nachträglicher Integration der Komfortlüftung mit Wärmerückgewinnung. Diese kann technisch und ökonomisch (kostengünstig) sinnvoll sowohl in Stufensanierung als auch in der Großinstandsetzung durchgeführt werden. Weiterbildungsbedarf besteht dabei verstärkt in der Stufensanierung. Hier sind die Kompetenzen der Erstellung eines Sanierungsfahrplans und der technischen Abstimmung der Einzelschritte aufeinander im Weiterbildungsfokus.
Welche Kompetenzen fehlen heute am häufigsten an der Schnittstelle zwischen Planung, Ausführung und Betrieb?
Planer brauchen Praxiswissen um die Ausführung praxisgerecht, kostengünstig und fehlerfrei zu ermöglichen. Ausführung benötigt Wissen und Kompetenzen aus dem Bereich des Facility-Managements, um wartungsarme bzw. wartungsfreundliche Gebäude und Anlagentechnik zu errichten, die einen reibungslosen energieeffizienten und nachhaltigen Betrieb ermöglichen. Zusammenfassend kann man feststellen, dass interdisziplinäre Kompetenzen aus den Nachfolgedisziplinen fehlen.
Warum reichen klassische Ausbildungs und Weiterbildungsformate für ZEB aus Ihrer Sicht nicht mehr aus?
Neben der fehlenden Aktualität fehlt der Fokus auf den Bereich der Hochenergieeffizienz, der Voraussetzung für Zero Emission Buildings darstellt. Am besten kann dies durch attraktive neue und praxisgerechte Formate mit hohem Anteil an Interaktivität und anschaulichen Beispielen, Videos, Mockups und Anschauungsmaterial erreicht werden.
Welche neuen Trainingsmethoden oder Lernformate (z. B. Mockups, Lehrvideos, Baustellenbeispiele, Blended Learning) halten Sie für besonders wirksam – und warum?
Diese Methoden ermöglichen einen stärkeren Praxis-Fokus im Vergleich zum klassischen Frontalunterricht und Lehrbuchmethoden und binden die Lernenden stärker interaktiv ein.
Wie müssen Trainings gestaltet sein, damit sie tatsächlich zu höherer Qualität und weniger Fehlern in der Praxis führen?
Aus Fehlern kann und soll man lernen – gezielte Praxisbeispiele, Übungen und Checklisten zur Qualitätssicherung im Training und letztlich Baustellenbesuche und Exkursionen tragen dazu bei. Leider sind Exkursionen zeitlich oft nicht leicht unterzubringen, daher können diese ggf. durch Videos ersetzt werde.
Welche Rolle können Projekte wie AchieVE ZEB spielen, um ZEB Kompetenzen europaweit strukturiert und skalierbar zu vermitteln?
Die Pilotierung der Kurse in AchieVE ZEB garantiert bereits eine Vorab-Erprobung und Qualitätssicherung, der Review-Prozess verbessert nochmals die Qualität. Ausgewählte Kurse und Lehreinheiten können dann, insbesondere im OER-Bereich übersetzt und europaweit verbreitet und laufend aktualisiert werden.
Fragen an UWK
Tina Ipser / Gregor Radinger
Christina Ipser studierte Architektur an der Technischen Universität Wien (Dipl.-Ing. / MSc) und ist seit 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektleiterin am Institut für Bauwesen und Umwelt. In Lehre und Forschung liegen ihre Schwerpunkte auf Themen wie der Planung und dem Betrieb nachhaltiger Gebäude, der Anpassung an den Klimawandel, der Lebenszykluskostenrechnung und der Lebenszyklusanalyse sowie den Wechselwirkungen zwischen Mensch und gebauter Umwelt.
Dr. Gregor Radinger, MSc studierte Architektur und promovierte an der Technischen Universität Wien. Er ist Leiter des Lichtlabors und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bauwesen und Umwelt. In seiner Arbeit widmet er sich insbesondere den Bereichen klimasensible Gebäude, Licht- und Tageslichtplanung sowie traditionelle Bauweisen und Bauverfahren. Weitere Schwerpunkte seiner Tätigkeit liegen in der interdisziplinären Zusammenarbeit und insbesondere im Transfer und der Integration von Erkenntnissen aus den Geistes- und Naturwissenschaften in den Bausektor.
Interview:
- Inwieweit haben die pilotierten AchieVE‑ZEB‑Kurse die definierten Lern‑ und Qualifizierungsziele erreicht?
Die Pilotierung der entwickelten Kurse ist angelaufen. Auf Basis der bisher vorliegenden Ergebnisse – insbesondere zu den Programmen „Zero Emssion Assets“ (Anm.: ein Micro Credential Program zu Strategien für einen klimaneutralen und zukunftsfähigen Gebäudebestand) und „Nachhaltigkeit Lehren“ (Anm.: ein Train the Trainer Programm mit Lerndesigns und didaktischen Konzepten für die Erwachsenenbildung) konnten die gesetzten Lern- und Qualifizierungsziele erreicht werden. Die Feedbacks und Reflexionen zeigen, dass die Teilnehmer:innen die zentralen Transformationsfelder des Gebäudesektors sicher beurteilen und geeignete Maßnahmen für eine klimaneutrale Weiterentwicklung von Bestandsgebäuden definieren können. Zugleich wird deutlich, dass sie ein vertieftes Verständnis für lernenden-zentrierte, kompetenzorientierte Kursgestaltung, für die Integration von Inhalten im Sinne von Bildung für nachhaltige Entwicklung sowie für die reflektierte Rolle von Trainer:innen in der Vermittlung von Nachhaltigkeit entwickelt haben.
Was sagen die Evaluationen über die Wirksamkeit der didaktischen Konzepte aus?
Die Abstimmung der didaktischen Konzepte auf Bedürfnisse und Lebensrealitäten der Teilnehmer:innen sind für die Kursgestaltung von herausragender Bedeutung. Asynchrone Online-Lernformate in Kombination mit Präsenzveranstaltungen erweisen sich als vielversprechende Methoden, um verfügbare Zeitressourcen, erforderliche inhaltliche Tiefe und Vernetzungsmöglichkeit in Balance zu bringen.
Welche Formate und Inhalte wurden von den Teilnehmenden als besonders relevant für die Praxis bewertet?
Die Teilnehmer:innen zeigen besonderes Interesse an einer Wissensvermittlung, die auf konkreten Beispielen, Exkursionen und anschaulichen Demonstrationen vor Ort basiert. Besonders stark resonierte dabei das Thema Projektkommunikation – etwa zwischen Bauwerber:innen und Nutzer:innen oder zwischen Planenden und Ausführenden. Ebenso wichtig war es, ausreichend Raum für Diskussionen zu schaffen und den Teilnehmer:innen die Möglichkeit zu geben, eigene Erfahrungen und Sichtweisen einzubringen. Solche dialogorientierten Elemente gehören zum unverzichtbaren Bestandteil hochwertiger Weiterbildungskurse.
Welche Zielgruppen konnten gut erreicht werden – und wo besteht noch Handlungsbedarf?
Zu den erreichten Zielgruppen zählen insbesondere Teilnehmer:innen, die am Beginn ihrer Berufslaufbahn stehen bzw. solche, die Ihre Tätigkeit bzw. Unternehmensstrategie in Zukunft verstärkt auf Gebäudesanierung ausrichten werden. Die bisher durchgeführten Kurse weisen einen hohen Frauenanteil auf, was angesichts dieser im Gebäudesektor stark unterrepräsentierten Gruppe sehr erfreulich ist. Auch Personen aus dem Bereich Immobilien- und Facility Management konnten wir gut erreichen. „Klassische“ Planer:innen (etablierte Architekt:innen, planende Baumeister:innen) bzw. Vertreter:innen von Gemeinden konnten bisher noch nicht im ausreichenden Maß erreicht werden.
- Welche zentralen Lehren zieht die Donau‑Universität aus der Kursevaluierung für zukünftige ZEB‑Weiterbildungen?
Die sorgfältige Auswahl von Lehrinhalten, die präzise Beschreibung von Lehrzielen sowie der Einsatz von Lehr-Lernformaten, die eine berufsbegleitenden Teilnahme ermöglicht, motiviert eine hohe Anzahl an Studierenden zur Teilnahme an geförderten Lehrangeboten. Eine wesentliche Herausforderung stellen jedoch Teilnahmegebühren dar, die – trotz hoher Motivation – für viele ein entscheidendes Kriterium sind.
- Welche Rolle können Projekte wie AchieVE‑ZEB spielen, um ZEB‑Kompetenzen europaweit strukturiert und skalierbar zu vermitteln?
Projekte wie AchieVE-ZEB bereiten neueste Erkenntnisse und Anforderungen an den Gebäudebestand systematisch auf und machen sie für unterschiedliche Lernendengruppen zugänglich. Gleichzeitig erweitern sie das Kompetenzspektrum um wichtige Bereiche, die bisher wenig berücksichtigt wurden – etwa Kommunikation, systemisches Denken, Problemlösungskompetenzen oder interdisziplinäre Zusammenarbeit. Durch diese Kombination aus fachlicher Aktualisierung, Kompetenzaufbau und Zielgruppenerweiterung tragen Projekte wie AchieVE-ZEB dazu bei, die Sanierung des Gebäudebestands und das Erreichen der Klimaneutralität im Gebäudesektor als vielfältiges und attraktives Handlungsfeld sichtbar zu machen.